Mirko Weiss Dec 14, 2020 12:00:00 AM Lesezeit 4 Minuten

Revitalisierung der Morgenstehung

#14 Blogbeitrag aus dem Adventskalender 2020

Woran Sie wahrscheinlich gedacht haben

In Zeiten, in denen zur Primetime im Fernsehen LUSTverprechende Adventskalender feilgeboten werden, kann einem schon mal der Gedanke kommen, dass mit lumanaa die Pferde durchgegangen sind und wir auf den „sex-sells-Zug“ aufgesprungen sind. Schließlich kann man auch Berater*innen stundenweise buchen und die Zeiten sind schlecht für diese Gilde … aber jetzt genug der Schlüpfrig- und Zweideutigkeiten. Wir sind ja schließlich nicht die größte deutsche Tageszeitung, dass wir solche Schlagzeilen bräuchten, um zu wirken.

Was es wirklich ist

Bevor Sie anfangen, nervös über Ihre Schulter zu schauen, weil jemand mitlesen könnte, löse ich das Rätsel auf. Die morgendliche Stehung ist genau das, was das Wort sagt: Eine Stehrunde und kein Sitzkreis, kein "Abhängen" oder "Chillen".  Es ist ein Zusammenstehen mit den Kolleg*innen, in angenehmer Atmosphäre. Ein Abgleich, ein gezielter Austausch und ja, vielleicht sogar mit einem Käffchen in der Hand. Aber es ist eben so viel mehr als ein Kaffeeklatsch, denn es ist pure Effizienz in Bezug auf eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Thema im Unternehmen – die Kommunikation!

Warum diese Runde unbedingt revitalisiert werden muss 

Oft hörte ich früher meinen Vater mit seiner sonoren Stimme im Spaß sagen: „Früher war alles besser, auch die Zukunft!” Wir haben dann immer herzlich gelacht und ich habe immer geantwortet: „Genieße das Hier und Jetzt, denn es wird die gute alte Zeit sein, die du später loben wirst und die du dir zurücksehnen wirst.” Aber was hat sich eigentlich verändert? Betrachten wir zuerst einmal die Umwelt, rund um ein Unternehmen.

In einer Zeit, in der wir viel dazu beigetragen haben, sozial zu verarmen, weil wir Essenbringdienste nutzen, statt mit Freund*innen zu kochen, weil wir „soziale” Medien haben, bei denen kein persönliches Treffen mehr notwendig ist, weil wir streamen, statt ins Kino zu gehen, wir nach links oder rechts wischen, statt zum Jagen auszugehen – soll ich weitermachen?

In diesen Zeiten ist ein Gespräch unter Kolleg*innen selten geworden und deshalb viel mehr wert als „vor Corona”, als es noch normal und an der Tagesordnung war, face-to-face miteinander zu sprechen. Echte soziale Interaktion, durch die man neben der Notwendigkeit des Informationsaustausches auch das menschliche Grundbedürfnis nach Gemeinschaft erfüllt hat.

Was hat sich in Unternehmen verändert?

Zum Beispiel die Zeit, die für die Produktion oder in Projekten gebraucht wurde, wird stundengenau geplant und dann absurd genau erfasst. Die Fehlertoleranz ist dabei gleich Null und der Stresslevel unendlich hoch. Denn durch den immensen Kosten- und Zeitdruck, der durch globalen Wettbewerb und globale Produktionsstätten entstanden ist, fehlt jeder Spielraum für Irrtum und Toleranz. Wir haben keine Zeit mehr. Es gibt Click-Worker (Programmierer*innen, die irgendwo in der Welt sitzen), von denen alle 10 Sekunden ein Foto gemacht wird, damit sie nachweisen können, dass sie auch wirklich am Rechner arbeiten. Der Leistungsdruck ist so stark geworden, dass Burn-out den guten alten Rücken als Krankheitsbild Nummer Eins abgelöst hat.

Ein guter Bekannter (und ehemaliger Produktionsleiter) hat es mir nach seiner ungewollten Auszeit so beschrieben: „Weißt du, ich war getrieben, ich hatte keine Zeit mehr, für nichts. Ich war immer hinter den Terminen, war immer nicht gut genug, für mich sah das Hamsterrad wie eine Karriereleiter aus, ich musste immer schneller werden, bis ich rausgeflogen bin.”

Was man dagegen tun kann?

Sprechen Sie in der Morgenrunde über:

  • Orientierung. Sie müssen die Richtung vorgeben, in zweierlei Hinsicht. Erstens, wo soll die Reise hingehen? Skizzieren Sie so genau wie möglich ihre Unternehmer*innen-Vision. Ja, genau, richtig gelesen, nicht die Unternehmens-Vision, sondern ihre Unternehmer*innen-Vision, ein genaues Bild warum Sie das unternehmerische Risiko auf sich nehmen, was Sie antreibt, wofür Sie brennen, wo Sie hinwollen. Erzählen Sie Ihren Mitarbeiter*innen Ihre Geschichte, was für Sie Sinn macht und warum. Denn aus Sinnstiftung entsteht Mission, entsteht eine innere Kraft die nicht krank macht, genannt Motivation.
  • Klare Ziele. Beschreiben Sie Ihren Mitarbeiter*innen und Kollegen*innen so genau wie möglich was Erfolg für Sie ist! Drücken Sie sich in konkreten Zahlen aus. Nennen Sie monetäre Ziele. Welche Marge oder pro Kopf-Produktivität brauchen Sie, um auch in Zukunft erfolgreich agieren zu können? Nennen Sie konkrete Bedürfnisse und nicht Unerreichbares nach dem "Höher-Schneller-Weiter-Prinzip", denn das lässt die Mitarbeiter*innen abstumpfen und laugt sie aus.
  • Benennen Sie keine Zielhorizonte á la „Ende des Sommers muss das fertig sein". Seien Sie so genau wie möglich. Nennen Sie ein Fälligkeitsdatum, denn Arbeit füllt immer den zur Verfügung stehenden Zeitraum aus. Lassen Sie Zeit, dehnt sich die Arbeit aus. Ist die zur Verfügung stehende Zeit knapp, aber nicht zu knapp, also klug austariert, dann lassen die Menschen das Unnütze, das Zermürbende, das Nervtötende einfach weg. Übrig bleibt Schaffenskraft, die Freude schafft.
  • Definieren Sie Etappenziele und personalisieren Sie diese. Soll heißen, geben Sie den Etappenzielen Namen, wie zum Beispiel in der Automobilindustrie die Vereinigung von Chassis und Antriebsstrang „Hochzeit" heißt.
  • Identifikation der „richtigen" Mitarbeiter*innen. Aber wer ist richtig? Wer mit Ihnen im lockeren Gespräch in der Morgenrunde kein Interesse zeigt, wird auch keine intrinsische Motivation entwickeln, um Großes zu leisten. Dem- oder derjenigen müssen Sie immer im Nacken sitzen, das macht keinem Spaß. Es kommt zu keiner positiven Spirale.
  • Menschen im Mittelpunkt. Sagen Sie den Kolleg*innen, wie wichtig sie für das Gelingen des großen Ganzen sind. Schenken Sie den Mitarbeiter*innen Aufmerksamkeit, jede*r will zumindest gesehen werden, auch die, die sagen dass sie das nicht brauchen. Entwickeln Sie Empathie, gehen Sie auf Bedürfnisse und Befürchtungen ein. Ängste und Unsicherheiten machen ein ungutes Gefühl und lassen echte, für alle Seiten befriedigende Leistung nicht zu.
  • Klären Sie das WARUM. Warum? Weil Identifikation immer mit dem Verstehen des – Warum – beginnt. Nur wer sich mit seiner Aufgabe identifizieren kann, bringt Spitzenergebnisse. Wenn es mich nicht berührt, dann kann es mich auch nicht kratzen, dann ist mir das Ergebnis egal.
  • Machen Sie den „Erklär-Bär". Warum sollten Sie immer alles beschreiben und erklären? Ganz simpel, Interpretation heißt Abweichung, heißt fehlgeleitete Energie. Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich einen Tisch vor. Ich setze Haus und Hof, dass Ihr Tisch anders aussieht als der, den ich mir vorgestellt habe. Und genauso verhält es sich oft mit dem Blick auf Aufgaben.