Tomas Schiffbauer Oct 16, 2018 5:26:00 PM Lesezeit 5 Minuten

DER SPIRIT DIGITALER UNTERNEHMEN

Letzte Woche ist die neue Zentrale von Siemens eingeweiht worden. Die Führungsetage versucht mit diesem Bau ein gewisse Startup Flair in die Konzernzentrale zu holen. Damit werden verschiedene Ziele verfolgt. Auf der einen Seite will man wieder interessanter für junge Mitarbeiter werden, die die Zukunft des Riesen gestalten und tragen sollen. Auf der anderen Seite ist Siemens auf der Suche nach den neuen und vielversprechenden Arbeitsmodellen und Wege der digitalen Zusammenarbeit. Dies soll durch die „unfertige“ Gestaltung gefördert werden.

Was noch alles zum modernen Unternehmen mit dem Vorbild im Silicon Valley gehört hat Claus Kleber in seiner Reportage  „Schöne neue Welt“ durchaus interessant zusammengetragen.

Das Resümee hat mich dann sehr überrascht, wenn auch der Grund dafür Teil der schönen neuen digitalen Welt ist.

„Müssen wir mitgehen? Auf diesen Trip? Nein! Wir sind Europäer. Aus anderem Holz geschnitzt. Wir vergöttern Veränderungen nicht so. Das ist nicht unser Trip. …“

Nicht jeder mag alle radikalen Ideen gut und schön finden. Manch einer hat vielleicht zurecht Angst davor. Das Vorgehen, aus dem eine Menge bahnbrechender Innovationen hervorgekommen sind wegen der Seiteneffekte zu verteufeln und für uns Europäer komplett abzulehnen, halte ich für falsch.

Aufgenommen hat diese Aussage Frank Schmiechen, Chefredakteur der Gründerszene, und sich damit und der Reportage von Herrn Kleber und den unterschiedlichen Botschaften kritisch auseinandergesetzt.

Der Spirit, um den es geht, ist viel mehr als Home-Office, Sabbatical und Work-Life-Balance. Es ist die Art und Weise wie die Mitarbeiter in den jungen, agilen und radikal denkenden und agierenden Unternehmen kommunizieren, sich organisieren und mit Informationen umgehen und sie verarbeiten. Hüben wie drüben – auf beiden Seiten des Atlantiks.

Als ich vor einigen Monaten einen jungen Kollegen (< 30 Jahre) gefragt habe, welches die von ihm präferierte Messenger App ist, über die ich ihn am besten kontaktieren kann, habe ich nur ein müdes (vielleicht auch mitleidiges) Lächeln geerntet. Verbunden mit der Antwort: „Ist völlig egal, ich beschränke mich da nicht. Ich nehme das, was für die Situation passend ist.“

Wir wollen doch die Kommunikation vereinfachen, weniger Mails? Das bedeutet doch, uns auf weniger Kanäle zu reduzieren? Visionäre Chefs großer Organisationen haben bahnbrechend die Mail-Server freitags und am Wochenende „abgeschaltet“, damit in dieser Zeit keine Mails zugestellt und bearbeitet werden. Damit mehr echte Kommunikation möglich ist. Bei Daimler werden die Mails während des Urlaubs gelöscht noch bevor sie in das Postfach des Mitarbeiters gelangen. Die Mitarbeiter sollen sich im Urlaub erholen. Offensichtlich alles nur Maßnahmen, die Menschen meines Alters einfallen und als Teil der Lösung gesehen werden konnten.

Die Menschen, nicht nur junge, in den Unternehmen auf die wir alle schauen – sehnsüchtig/neidisch, verängstigt oder auch mit Unverständnis – nutzen für Ihren Alltag (privat und beruflich) Web-Apps, die weitestgehend unterhalb meiner persönlichen Wahrnehmung lagen und zum Teil noch liegen.

Ich, Wirtschaftsinformatiker, 45 Jahre, durchaus technikaffin im Alltag, mache meine Notizen im iPad statt in der Papierkladde. Damit zähle ich mich mal zu den oberen 20% meiner Generation, was das Thema up to date bzgl. neuer Trends in unserem technologischen Alltag angeht. Und doch bin ich offensichtlich weiter weg, als gedacht. – Wem mag das noch so gehen?

Wie sieht es mit unserer Kompetenz im Bereich Social Collaboration (die meisten Angehörigen der berufstätigen Bevölkerungen wissen vermutlich noch nicht mal, was das ist) aus?

Die hilfreichen Tools werden heute nicht mehr in den üblichen, meiner Generation bekannten, Quellen vorangekündigt, beworben etc. – Sie sind einfach da, viral. Ich will nicht sagen, in einer Subkultur, aber definitiv weiter weg von mir, als ich bis vor ein paar Wochen gedacht habe.

Meine Generation (wie alt das klingt, wenn ich das schreibe) versucht die Mail Flut zu reduzieren. Die jungen Kollegen auch. Sie haben diverse Apps, in denen eine Vielzahl von Informationsschnippseln eintrudeln. Mehr als ich Mails am Tag bekomme.

Was ich damit sagen will: Wir wollen die Flut der Mails reduzieren, weil wir mit der Verarbeitung nicht mehr nachkommen. Der andere Weg ist, sich damit abzufinden, dass die Informationsflut weiter steigen wird und geeignete Mittel und Wege findet (und das ist dann nicht mehr der Mail Client) dieser Tatsache und diesem Bedürfnis gerecht zu werden. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da habe ich die Zahl der ungelesenen Mails ausgeblendet, weil mich das gestresst hat. Irgendwann habe ich gelernt damit umzugehen. Schön, wenn man es ohne das gestresst sein gelernt hat und einen effizienten Umgang damit gefunden hat.

Darum nutzen unsere jungen Kollegen diversen Messenger-Apps, Trello, Slack und verknüpfen das alle noch mit IFTTT oder Zapier, um sich Workflows zwischen den Wep Apps zu installieren, die das Handling übernehmen. Workflows kenne ich und finde ich gut. Nach meinem Studium (Ende 1990er) war das der Grund warum ich damals in die Lotus Notes Programmierung gegangen bin. Dieses Mail und DB-Tool konnte Prozesse in Workflows abbilden. SAP und Microsoft haben zu der Zeit noch nicht mal davon geträumt, Workflows in Ihre Applikationen zu etablieren. – Der Bedarf war damals der gleiche wie heute. Die Lösungen sind heute weniger groß. Im Sinne, dass der Lösungsanbieter schon seit ewigen Jahren im Markt ist und überall bekannt und präsent.

Für mich liegt die Lösung für „the new way of work“ viel weniger darin die Gebäude und Strukturen aus dem Silicon Valley oder den hiesigen Startups zu kopieren oder zu adaptieren. Vielmehr liegt sie darin, uns ehrlich auf die Arbeits- und Denkweise dieser Unternehmen einzulassen. Sich mit dem Selbstverständnis und der Lebensweise Ihrer Mitarbeiter und ihrer inneren Haltung zu befassen und sich davon anstecken zu lassen. Uns auf die anderen Lebensmodelle unserer jungen Kollegen einzulassen und nicht davon auszugehen, dass die sich schon unserem etablierten Arbeits- und Lebensmodell anpassen.

Interesse und Verstehenwollen was und warum sie es tun, wie sie es tun. Letztlich Empathie entwickeln. Ihre Sichtweise annehmen. Statt: „Das ist nicht unser Trip.“ Oder: „Wir sind aus einem anderen Holz geschnitzt.“

Von Ihnen lernen, das ist der Schlüssel. Das macht es so schwer für uns Alteingesessene. Wir müssen von Jungen, weniger Erfahrenen, Andersdenkenden und Agierenden lernen. Vielleicht zum ersten Mal in unserem Leben zählt als Vorbild nicht mehr alleine das Mehr an Berufserfahrung, Lebensjahren etc. als Indikator dafür, dass etwas gut und richtig ist. Es ist das Mehr an Erfahrung mit dem Umgang von sich schnell ändernden Rahmenbedingungen, vielen Informationen und dem Bedürfnis damit umgehen zu können. Das ist das Pfund, welches die Jungen mitbringen!

Ich möchte Ihnen zum Abschluss eine Case Study empfehlen, in der ein großes deutsches mittelständisches Unternehmen auf seine Antworten auf die VUCA-Welt untersucht wird - eine hilfreiche Einführung in die agile Zusammenarbeit.

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